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Verfasserschaft, Datierung und Zusammenhang
Der Brief des Lentulus (Epistola Lentuli) gibt sich als amtliches Schreiben aus, das ein angeblicher Statthalter von Judäa oder Jerusalem namens Publius Lentulus an den römischen Senat und das römische Volk gerichtet habe. Die historisch-kritische Forschung erkennt das Schriftstück einhellig als gänzlich apokryph und pseudepigraphisch. Die römische Kaiserverwaltung kannte nie ein Amt mit der Bezeichnung Statthalter oder Präsident von Jerusalem (Hierosolymitanorum praeses), und auch ein Prokurator oder Präfekt von Judäa unter Tiberius mit dem Namen Lentulus ist nicht verzeichnet. Zudem hätte ein römischer Beamter unmittelbar an den Kaiser berichtet, statt sich an den Senat zu wenden, und hätte nie biblische Wendungen wie „Prophet der Wahrheit“, „Menschenkinder“ oder den christlichen Doppeltitel „Jesus Christus“ gebraucht.
Was Zeit und tatsächliche Verfasserschaft betrifft, weist der Konsens auf eine mittelalterliche Abfassung. Friedrich Münter vermutete zwar einen möglichen Ursprung unter Kaiser Diokletian, doch wurde dieser Vorschlag von den neueren Patrologen mangels früher handschriftlicher oder patristischer Belege verworfen. Ernst von Dobschütz zeigte in Christusbilder (1899) zusammen mit Anthony Maas und Edward Robinson, dass der lateinische Text im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert entstand und wahrscheinlich aus byzantinischen Beschreibungstraditionen herrührt, die dem leiblichen Porträt vergleichbar sind, das der griechische Geschichtsschreiber Nikephoros Kallistos Xanthopulos überliefert. Der Brief erhielt seine feste Textgestalt bei den Humanisten des fünfzehnten Jahrhunderts und ist in Handschriften wie der von Jena mit einem Nachsatz überliefert, der behauptet, Giacomo Colonna habe ihn 1421 in Rom unter aus Konstantinopel gesandten Annalen entdeckt.
Aufbau
Der Brief des Lentulus bildet ein äußerst knappes Schreiben aus einem einzigen Kapitel, das in den mittelalterlichen Codices aus fortlaufender Prosa ohne förmliche Kapitelüberschriften besteht.
Der Text entfaltet sich in vier aufeinanderfolgenden thematischen Einheiten: ein amtlicher Briefeingang mit Gruß, der Christi Heilungskräfte und seinen Ruf meldet; eine ausführliche Beschreibung der Gestalt mit Wuchs, Haar, Stirn, Bart und Augen; eine gefühls- und sittenbezogene Schilderung seines Auftretens beim Lehren, Tadeln und Weinen; und ein abschließendes Urteil über seine würdevolle Rede und die Ebenmäßigkeit seines Körpers, das mit feierlichem Lob seiner alles übersteigenden menschlichen Schönheit endet.
Wichtige Themen und Stellen
Das Hauptthema des Briefes ist die idealisierte körperliche und sittliche Vergegenwärtigung Jesu Christi, die in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit geschaffen wurde, um göttliche Majestät, sittliche Rechtschaffenheit und mitleidige Würde zu verbinden. Das Bild stützt sich stark auf Psalm 45 (Psalm 44 der Vulgata), der den Messias als den Schönsten unter den Menschenkindern preist, in bewusstem Gegensatz zu frühchristlichen Deutungen von Jesaja 53, die sich für die Zeit seiner irdischen Erniedrigung eine unansehnliche leibliche Erscheinung vorgestellt hatten.
Die bekannteste Stelle hebt das ausgewogene Gleichgewicht zwischen strenger Gerechtigkeit und sanfter Barmherzigkeit hervor: Christus ist furchtbar im Mahnen, doch milde und liebevoll im Rat, gelassen, ohne die Feierlichkeit aufzugeben, begleitet von der berühmten Textbeobachtung: „qui nunquam visus est ridere, flere autem saepe“ („Man hat ihn nie lachen sehen, wohl aber oft weinen“).
Zusammenfassung nach Abschnitten
Gruß und öffentlicher Ruf: Lentulus grüßt den Senat und das römische Volk und meldet, dass in Judäa gegenwärtig ein tugendhafter Mann namens Jesus Christus wirkt, von den Scharen als Prophet der Wahrheit gepriesen und von seinen Anhängern Sohn Gottes genannt, der unablässig wunderbare Heilungen vollbringt und Tote auferweckt.
Beschreibung von Gestalt und Gesicht: Christus wird als hochgewachsen und ehrwürdig geschildert, Ehrfurcht und Liebe einflößend; sein Haar hat die Farbe reifer Haselnüsse, fällt glatt bis zu den Ohren und kräuselt sich in strahlenden Locken über die Schultern, in der Mitte gescheitelt nach Art der Nazarener; seine Stirn ist glatt und makellos, seine Wangen sind von einem milden rosigen Schimmer überhaucht, Nase und Mund vollkommen ebenmäßig, sein Bart voll und am Kinn zweigeteilt, sein Blick hell und ausdrucksvoll.
Sittliches Auftreten und abschließende Würdigung: Die Erzählung schildert sein maßvolles Wesen, streng beim Tadel der Sünde, doch überaus sanft beim Trösten; man sah ihn nie lachen, wohl aber oft weinen; seine Hände und Arme sind anmutig geformt, sein Gespräch ist bescheiden, bedächtig und spärlich, womit er endgültig als der Schönste unter den Menschenkindern erwiesen ist.
Rezeption
Der Brief des Lentulus wurde nie in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen und von der Kirche nie als echte Geschichte anerkannt; frühe Kirchenväter wie Justin der Märtyrer, Tertullian und Eusebius von Caesarea erwähnen ihn überhaupt nicht, und diese räumten ein, dass kein echtes leibliches Abbild Christi erhalten geblieben sei. Im Spätmittelalter übte der Text jedoch gewaltigen Einfluss auf die abendländische christliche Frömmigkeit aus und wurde zum maßgeblichen literarischen Vorbild für die Maler der Renaissance, die Haupt und Antlitz Christi darstellten.
Der Brief wurde erstmals in der Vita Christi Ludolfs von Sachsen (Köln, 1474) gedruckt und in die Einleitung zu den Werken Anselms von Canterbury (Nürnberg, 1491) aufgenommen, später erschien er in den Magdeburger Centurien (1559). Der Jesuitenmissionar Hieronymus Xavier übersetzte ihn ins Portugiesische, danach wurde er ins Persische, Deutsche und Englische übertragen. Die kritische Forschung, begonnen von Lorenzo Valla und fortgeführt von Johann Albert Fabricius, Ernst von Dobschütz und Edward Robinson, wies seinen erfundenen Charakter nach und begründete seinen Wert als Denkmal mittelalterlicher Frömmigkeit und heiliger Bildkunst.
Quellen
- Anthony Maas, Publius Lentulus (The Catholic Encyclopedia, Vol. 9) (1910).
- John McClintock; James Strong, Lentulus, Epistle of (Cyclopaedia of Biblical, Theological, and Ecclesiastical Literature) (1880).